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"Fall Baumann" sorgt weiter für Diskussionen

"Ich bin ein Irrtum der Wissenschaft"

Die Schlinge um Dieter Baumann zieht sich zu. Mehrere internationale Experten haben Versuche, den Olympiasieger von 1992 zu entlasten, in die Nähe von Quacksalberei verwiesen. Prof. Arne Ljungqvist (Schweden), Vizepräsident und "Chefarzt" des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF, bezeichnete Berichte über neue medizinische Erkenntnisse als "einfach Quatsch".

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So sehr er sich auch verteidigt, der
Doping-Verdacht haftet an Dieter Baumann.

Auch der langjährige deutsche Olympia-Arzt Prof. Joseph Keul sieht keinen Ansatz, Nandrolon aus der Dopingliste zu streichen: "Ich kann keine Gründe dafür sehen. Solche extremen Werte tauchen bei normalen Menschen nicht auf, wir kennen sie bisher nur von Leistungssportlern." Einen Tumor als Ursache bei Baumann schließt der Leiter Universitätsklinik Freiburg aus: "Dann hätte der dritte Test nicht wieder negativ sein können."

"Keine Lücke im System"

Prof. Keul sieht auch keine Lücke im System: "Dafür ist die Unwahrscheinlichkeit zu hoch, dass wir bei tausend anderen Untersuchungen nie derartige Abartigkeiten entdeckt haben. Um es für den Laien zu sagen: Man kann einen Kurzschluss nicht damit begründen, dass eine Wasserleitung tropft. Irgendwo muss auch Elektrizität im Spiel gewesen sein, wenn es geknallt hat."

Baumann: Eigenproduktion kann sehr hoch sein

Baumann dagegen beteuerte im Interview mit der Stuttgarter Zeitung erneut: "Ich weiß, ich bin ein Irrtum der Wissenschaft." Es müsse in deren Urinteresse sein, diesen Irrtum aufzuklären: "Nach einer schweren Belastung oder einer Stoffwechselerkrankung kann die Eigenproduktion von Nandrolon sehr hoch sein." Es gebe dazu bereits "wissenschaftliche Ansätze", vor allem in Frankreich.

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Experten-Streit beginnt

Schützenhilfe bei dieser Argumentation hatte der Schwabe ausgerechnet von Werner Franke erhalten, Deutschlands bekanntestem "Doping-Jäger". Dessen Kompetenz in dieser Frage allerdings wird von Prof. Klaus Müller, dem Leiter des IOC-Dopingkontroll-Labors Kreischa, im Interview mit der Leipziger Volkszeitung schlichtweg bestritten: "Franke ist nicht Doping-Experte, er war nie in eine Analyse involviert."

"Analytisch nicht angreifbar"

In Kreischa war die zweite positive Dopingprobe Baumanns untersucht worden. Müller: "Der Fall ist analytisch nicht angreifbar." Wie Keul weist auch Müller die "Franke-Theorie", nach der ein Tumor den hohen Nandrolon-Wert ausgelöst haben könnte, entschieden zurück.

Bei einem Tumor könne nicht diese hohe Konzentration entstehen. Müller: "Es wurde nie festgestellt, dass Nandrolon über einem Wert von 0,6 Nannogramm pro Milliliter Urin im Körper entsteht." Bereits der Grenzwert 2,0 enthalte daher eine sehr hohe Sicherheitsspanne, bei Baumann aber lag der Wert bei 20 Nannogramm.

"Das Risiko trägt jeder selbst"

Die Fachleute sind sich einig, dass sich der 34-Jährige nicht aus der Verantwortung stehlen kann, selbst wenn sein Fall auf "falsche Ernährung" zurückzuführen wäre. Müller: "Das Risiko trägt jeder, der sich mit bestimmten Mitteln helfen will." Ljungqvist: "Derartige Nahrungsmittel sind eine große Gefahrenquelle für Sportler. Aber das ist nun wirklich nichts Neues mehr."

Trotzdem will sich Prof. Wilhelm Schänzer, in dessen Kölner Labor die erste Baumann-Probe analysiert worden war, auf weitere Ursachen-Suche begeben: "Wir versuchen, eine logische Erklärung zu finden. Dabei geht es uns auch um die Wissenschaft. Ob das dem Athleten hilft, das müssen die Juristen klären."

Was bleibt, ist der positive Befund

Auch Schänzer stellt im FAZ-Gespräch allerdings klar: "Wir haben im Fall Baumann den eindeutigen Befund, da geht nichts dran vorbei. Für den Verband bleibt er auch dann positiv, wenn wir etwas finden. Die Strafe ist verschuldensunabhängig. Sonst kommen die Athleten mit allen möglichen Entschuldigungen."

Von Dieter Hennig, sid - Fotos: dpa

Geändert am 22. November 1999 16:01 von sab
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